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Das Schicksal von Maria Zelluiko, Zwangsarbeiterin am Asthof 1942 - 1945


erzählt von Maria Duracher, Februar 2001


Zu meiner Kindheit und ersten Schulzeit zählen auch die Jahre des 2. Weltkrieges. Mein Elternhaus, ein Bauernhof, bewohnte die Großfamilie mit Eltern und Kindern, dem Großvater und seinem Bruder und auch den Dienstboten, die man zur Arbeit in haus und Hof notwendig brauchte. So wurden unserem Vater während dem Krieg immer wieder Zwangsarbeiter zugeteilt. Da erinnere ich mich noch an Nikolai, einen schon älteren Mann aus der Ukraine. Er ging statt seinem Schwiegersohn in den Krieg. Nur ein paar Monate arbeitete Nikolai bei uns. Dann wurde er schwer krank. Dr. Kunater bestätigte ihm seinen schlechten Gesundheitszustand. Darauf wurde er freigestellt und durfte heimfahren. Ob er in seiner Heimat noch angekommen ist? Nach Nikolai kam der 19jährige Anton aus Polen. Er blieb bis 1945 bei uns. Aber noch vor dem Kriegsende war er auf einmal verschwunden. Bei der Feldarbeit halfen uns auch Franzosen aus dem hiesigen Gefangenenlager. Jeden Monat wurde uns ein anderer Mann zugeteilt. Nach dem Krieg war Michael Potjuk, ein Pole, eine Zeitlang bei uns Knecht. Er ist dann nach Amerika ausgewandert. Später schrieb er uns einmal aus Toronto.

Von Russland nach Osttirol

Doch am besten in Erinnerung ist und bleibt mir die Russin Maria Zelluiko aus der Krim. Ihr Heimatort war das kleine Städtchen Akmitsched, am Ufer des Schwarzen Meeres gelegen. Ihr Vater war dort ein Kolchosenbauer. Als 22jährige wurde sie mit vielen anderen Mädchen ihres Alters aus ihrer Heimat in den Westen zur Zwangsarbeit verschleppt. In Viehwaggons hineingedrängt, wurden die armen Gefangenen nach Lienz gebracht. Von ihren zukünftigen Arbeitgebern mussten sie dort abgeholt werden.

... dahergetrieben wie Vieh

Unser Vater hat es sein Leben lang nie vergessen, wie dies Leute in Lienz ankamen. Von schreienden und brüllenden Gestapomännern wurden sie aus den Waggons gejagt und dahergetrieben wie Vieh. Da sah man nur noch verweinte, verschreckte Gesichter, hungernde und durstige junge Menschen. Ohne jedes Reisegepäck kamen sie an, nur die Kleidung, die sie am Leibe trugen. Ausweise und Dokumente, die sie in der Heimat zur Stellung mitbringen mussten, hatten sie mit. Die Bauern, denen eine Arbeitskraft zugeteilt war, sollten sich jetzt selber eine Person aussuchen und mitnehmen. Unser Vater hatte von einem anderen bekannten Bauer den Auftrag, auch für ihn die zukünftige Magd mitzubringen. In der Menge sah er zwei Mädchen, die sich fest aneinander klammerten und offensichtlich nicht auseinander wollten. Ohne zu überlegen, nahm er die beiden mit. So kamen beide Russenmädchen Maria und ihre Cousine Dania, zuerst einmal zu uns auf den Asthof. Sie verstanden kein Wort deutsch und bei uns redete niemand russisch. Am späten Nachmittag schickten unsere Eltern meinen Bruder und mich mit Dania zum Kolechner - Hof. Um ihre Cousine ja nicht zu verlieren, ging auch Maria mit. Auf dem Draudamm kamen uns zwei Polizisten mit Gewehren auf dem Rücken entgegen. Sie schrieen die Russinnen an, woher sie kämen, wohin sie gingen, und warum sie den Aufnäher "Ost" nicht trugen. Hilflos schauten uns die Mädchen an. Wir Kinder fürchteten uns mehr vor den Gewehren als vor den zornigen Beamten. Selbst erschreckt und schüchtern wie wir waren, konnten wir fast nimmer herausbringen, dass die beiden erst heute angekommen seien, Maria bei uns bliebe und wir Dania nach Rabland begleiteten. Von den Polizisten wurden wir Kinder dann beauftragt, die eine schnell auf ihren Arbeitsplatz zu bringen und mit der anderen dann sofort heimzugehen. Später hat uns die Marie oft erzählt, wie unglaublich und doch so wohltuend es damals für sie und Dania war, hier jetzt mit Kindern weitergeschickt zu werden. Sie hatten in den vergangenen Tagen während des Transportes doch so viele Schikanen und Bedrohungen erlebt.

"Marie"

Die "Marie", wie wir sie nannten, war unsere neue Magd. Familienanschluss war bei uns selbstverständlich. Am Abend zeigte man ihr das Bett, wo sie schlafen sollte. Obwohl sie sehr übermüdet war, wollte sie sich nicht niederlegen, bevor sie nicht wusste, wer hier im anderen Bett liegen würde. Da versicherte ihr das Nannile aus dem Villgratental, dass das sein Bett sei. So legte sich die Marie doch beruhigt nieder. Die erste Zeit bei uns hat die Marie viel geweint. Sie war fremd in der Fremde und wurde vom Heimweh geplagt. Doch verhältnismäßig schnell hat sie sich bei uns eingewöhnt und unsere Sprache verstehen gelernt. Zweimal bekam sie Post aus ihrer Heimat. Aber schon bald erhielt sie keine Nachricht mehr. Auch ihre Briefe, die sie heimschicken wollte, wurden auf der Post nimmer angenommen. Für Marie wieder ein zusätzliches Leid.

Ein Teil der Familie

Uns ist die Marie ein treues Familienmitglied geworden. Sie arbeitete mit uns in Haus, Feld, Stall und Stadel mit, aß mit uns das harte Brot und nahm das weinende Kleinkind auf ihren Arm, um es zu trösten. Sie trauerte mit uns beim Sterben unseres Großvaters und freute sich mit uns, als das Siebente unserer Geschwister das Licht der Welt erblickte. Im Winter saß sie auch in der warmen Stube am Spinnrad. Wir größeren Kinder schätzten und liebten die Marie. Im Hochsommer hat sie oft für uns Kinder morgens früh die Kühe auf die Weide getrieben, damit wir länger schlafen durften. Das haben wir ihr ganz besonders hoch angerechnet. Als am 27. Februar 1945 die ersten Bomben auf den Bahnhof von Sillian fielen, stand auch die Marie mit allen Hausleuten zitternd und betend in der gewölbten Rundstiege unseres Hauses. In ihrer Todesangst meinte sie: "Nur einmal tot, zweimal schon nimmer." Nach dieser ersten Bombardierung sind wir alle geflüchtet und das war auch unsere Lebensrettung. Am 3. März wurde unser Elternhaus von feindlichen Tieffliegern in Brand geschossen. Mit unserem Heimathaus sind unserer Marie ihre Habseligkeiten und auch ihr "Zuhause" abgebrannt.

Auszug aus dem Kassabuch von Engelbert Leiter, Juli 1943:

Maria Lohn f. 2 ½ Monate 50,-; Nikolai Lohn bis 15. 7. 20 RM

Misshandlungen, Schikanen und Peitschenschläge

Im Allgemeinen wurden hier die Zwangsarbeiter von ihren Dienstgebern gut behandelt. Von der damaligen Nazi- Herrschaft blieben ihnen so manche Schikanen, Bedrohungen und auch Misshandlungen nicht erspart. Seit der Ankunft mussten sie auf ihrer Kleidung gut ersichtlich den Aufnäher "Ost" (Ostarbeiter) tragen. Dadurch waren sie für jedermann als Zwangsarbeiter erkenntlich. Bei Unterhaltungen durften sie sich nicht sehen lassen. Auch Lebensmittelkarten wurden für diese Leute nicht ausgegeben. Aber solche Vorkommnisse waren nur Kleinigkeiten. In der Umgebung waren damals in mehreren Bauernhöfen Menschen aus Russland und Polen zur Arbeit eingesetzt. So haben sich diese auch manchmal heimlich irgendwo getroffen, um sich Freud und Leid zu erzählen. Von so einem Treffen am Sonntagnachmittag kam unsere Marie am Abend nicht heim zum Füttern. Das gab es sonst noch nie. Unsere Eltern machten sich um Marie große Sorgen, denn sie befürchteten schon das Schlimmste. Montagfrüh machte sich unser Vater auf dem Weg um nachzuforschen, was wohl sein mag. Schon bald wurde seine Vermutung zur Gewissheit. Auf dem Gestapoposten sei es heute während der Nacht schrecklich zugegangen, wurde ihm erzählt. Verzweifelte Schreie, Peitschenschläge, Hilferufe, lautes Weinen, Jammern und Stöhnen waren die ganze Nacht zu hören. Auf diesem Posten "regierte" damals der allgemein gefürchtete Gestapochef König - ein Tyrann. Zu ihm ging nun unserer Vater und sagte, dass er die Russin dringend zur Arbeit brauche, das Vieh sei noch nicht gefüttert und die Feldarbeit warte. Dieselben Zustände seien auch auf dem Kolechnerhof. So durfte nun unser Vater auf sein Bitten und all seinen vorgebrachten Argumenten Marie und Dania mitnehmen. Ich sehe die beiden heute noch, weinend und schluchzend in unserer Küche sitzen, den Kopf auf dem Tisch, das Gesicht in ihren Armen versteckt. Ihr ganzer Körper bewegte sich wie vom Schüttelfrost befallen. Kein Wort waren die beiden Mädchen in der Lage zu sagen. Auf einmal riss unsere Marie ihr Kopftuch herunter und weinte wieder laut auf. Wir sahen, dass man ihr und auch Dania die Haare kurz abgeschnitten und sie schrecklich zugerichtet hatten. Erst gegen Mittag konnten sie sich etwas beruhigen und sich mit etwas Essen und Trinken stärken. Nachher erzählten sie, was sie in der vergangenen Nacht mitgemacht hatten: Ge-stapo-Männer hatten die versammelten Ostarbeiter, etwa 10 - 12 Leute, bei ihrer gemeinsamen Unterhaltung aufgefunden und alle zusammen auf den Posten gebracht. Dort wurden sie zuerst verhört, bedroht, beschimpft und angespuckt. Dann mussten sie sich nackt ausziehen und wurden mit Liederriemen und Peitschen immer wieder geschlagen. Zwischendurch wurde ihnen wieder ein Schopf Haare abgeschnitten. So wurden die armen Menschen die ganze Nacht durchgepeinigt, misshandelt und gemartert. Zwei bis drei Tage nach diesem Vorfall war unsere Marie arbeitsunfähig. Es dauerte aber noch länger, bis die Striemen auf ihrem Körper ausheilten. Diese Nacht war wohl die schrecklichste, die sie hier erleben musste.

Auf "Schändung deutschen Blutes" stand der Tod

Auch so manche seelische Schmerzen mussten damals die Zwangsarbeiter erleiden. Da war in der Umgebung ein Pole, der sich in ein einheimisches Mädchen verliebte und dieses auch schwängerte. Da er "deutsches Blut geschändet" hatte, war ihm das Todesurteil sicher. Alle damals hier lebenden Menschen aus Russland und Polen bekamen von der Gestapo den Befehl, sich am Hinrichtungsplatz einzufinden. Sie mussten zusehen, wie man ihren Landsmann am Galgen erhängte. Einer der anwesenden Polen musste dann die Leiche seines Freundes mit dem Pferd seines Arbeitsgebers in einem Mist-gratten auf den Friedhof bringen und ihn dort begraben. Dieser Mann versteckte sich nachher drei Tage lang im Futterhaus - niemand konnte ihn finden. Nachher sei er ganz verschwunden - wer weiß wohin? So ist diesen Zwangsarbeitern von den Nazis viel Leid angetan worden. Sie mussten hier in ständiger Bedrohung leben.

Freiheit!

Endlich kam das Frühjahr 1945 und mit ihm auch das Kriegsende. Fast genau drei Jahre war die Marie nun bei uns und jetzt durfte sie wieder zurück in ihre Heimat. Doch ihre Sorgen, wie es jetzt nach dem Krieg etwa daheim aussehen mochte und wo sie ihre Angehören finden würde, trübten ihre Vorfreude. Ihre Cousine Dania wanderte mit einem Polen nach Amerika aus. Nach Monaten schickte sie von dort der alten Kolechner-Mutter ein Hochzeitsfoto. Unsere Marie wartete sehnsüchtig auf den Transportzug, der sie wieder auf die Krim bringen sollte. Diesen Heimkehrern wurde versprochen, dass sie von Lienz mit der Bahn in ihr Heimatland zurückgebracht werden würden. Immer wieder wurde die Heimfahrt um eine Woche verschoben. Gegen Mitte Juni war es dann soweit, dass sie die große Reise antreten konnten.

Der Abschied

Mit Tränen in den Augen und gegenseitiger Dankbarkeit nahmen wir Abschied voneinander. Die Marie versprach noch unserer Mutter: "Mama, wenn ich wieder zuhause bin, dann schreibe ich euch ganz gewiss!" Noch ein Blick zurück in ihre vertraute Umgebung, ein letzter Händedruck und dann ging sie in einer noch unsicheren Zeit ihrem Ziel "Heimat" entgegen. Wochen und Monate warteten wir vergebens auf den versprochenen Brief. Wegen dem damals noch herrschenden politischen Klima wagten auch wir nicht ihr zu schreiben. Auch nach Jahren kam nie mehr ein Lebenszeichen von unserer russischen Magd. Wo ist sie nur geblieben? Hat sie ihre Heimat noch einmal gesehen? Am Leben blieb sie nicht. Denn unsere Marie hätte uns geschrieben - ja, ganz gewiss!